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Sexuelle Heilung (Teil 2): Anleitungen

Heilung geschieht, wenn wir uns dafür entscheiden und ihr nicht mehr im Wege stehen. Unser innerer Bauplan strebt nach Heilung und so können wir darauf vertrauen, dass uns diejenigen Situationen und Menschen begegnen werden, welche diesen Prozess unterstützen. In achtsamer partnerschaftlicher Sexualität geschieht die sexuelle Heilung oft wie nebenbei.

Und doch, gibt es sehr viele Individuen und Paare, welche grad in diesem Thema anstehen und das Gefühl haben, dass sich gar nichts von selbst zum Guten wandelt. In diesem Falle hilft ein Anstupser, zu welchem ich euch hier eine Inspiration mitgeben will.

 

Wie sieht denn sexuelle Heilung so ganz konkret aus? Und wie könnt ihr selbst damit arbeiten?

In meiner Anleitung dazu unterscheide ich zwei Settings: das Setting der partnerschaftlichen Sexualität und das Setting einer intentionalen Heilsession mit einem Menschen, der der Raum hält für den anderen, der empfängt.

 

 

Intentionale Yoni-Heilsession mit klar definierten Rollen

 


Vorbereitung

Wenn du (für dieses Beispiel weiblich) in eine Heilsession für deine Sexualität empfangen möchtest, kannst du dir entweder eine*n erfahrene*n Bodyworker*in suchen oder deine*n Partner*in oder sonst einen Menschen, dem du vertraust, anfragen.

Die Session beginnt damit, dass ihr euch in einem Vorgespräch darüber austauscht, worum es dir geht, was du erforschen oder heilen möchtest. Das kann bis zu einer Stunde dauern, je nachdem, wie klar du es am Anfang schon weisst. Zudem klärt ihr schon bestehende Grenzen ab und besprecht, was dir in der körperlichen Berührung gefällt und was nicht.

Wir nehmen für dieses Beispiel folgendes Anliegen: Du möchtest deine körperlichen Schmerzpunkte lösen und mehr Lustpotenzial in deiner Vulva und Vagina freisetzen.

 

Körperarbeit

Für die Körperarbeit legst du dich mit einem Tuch bedeckt auf eine Matte in einem gut geheizten Raum, optimal sind etwa 30 Grad, damit du dich wirklich entspannen kannst. Auch Heizdecken als Unterlage sind sehr empfehlenswert. Wenn ihr wollt, könnt ihr entspannende Meditationsmusik abspielen.

Der raumhaltende Mensch (R.), der in der ganzen Session angekleidet bleibt, kommt im ersten Teil der Körperarbeit mit haltenden und langsamen Berührungen mit dir in Kontakt. Er begrüsst deinen Körper mit der Absicht, dass du mehr in dir ankommen und dich entspannen kannst. Vielleicht ist das zu Beginn eine Fussmassage oder eine Kopfmassage mit etwas Druck, damit auch deine Gedanken ruhiger werden können. In einem zweiten Schritt kommt er zu deinem Becken, lockert und massiert es und bereitet dich so auf genitale Berührungen vor.

Es kann sein, dass dein Körper schon in dieser Phase ein Stopp signalisiert (siehe Kommunikationswege des Körpers in Teil 1). In dem Falle musst du das R. gegenüber kommunizierten und ihn bitten, innezuhalten, damit ihr dieser Grenze gemeinsam lauschen könnt. R. fragt dich, was du im Körper wahrnimmst, wie du die Grenze ganz genau spürst. Hat deine Körperempfindung eine Farbe? Eine Konsistenz? Eine Form? Bewegt sie sich oder ist sie starr? In welchem Körperteil befindet sie sich. Seid genau. Und beobachtet. Es geht NIE darum, deine Grenze wegzumachen. Meine Erfahrung ist es jedoch, dass sich Körperempfindungen normalerweise zu bewegen und verändern beginnen, wenn wir mit unserer ganzen Präsenz bei ihnen sind. Es kann in diesem Prozess sein, dass sich Emotionen, Bilder, Erinnerungen oder Gedanken, also Glaubenssätze, zeigen, die mit dem berührten Thema verbunden sind. Auch damit lade ich euch ein, einfach zu sein, alles durchfliessen zu lassen. Auch falls sich Bewegungsimpulse in dir aufbauen, geh ihnen nach. Oft verschwindet die Grenzempfindung nach einer Weile, falls nicht, ist es das Thema, welches ihr in dieser Session bewegt.

Falls sich dein Körper wieder entspannt, könnt ihr weitergehen in erste Berührungen der Yoni (= Vulva und Vagina). Zu Beginn ist es wichtig, dass R. seine Hand auf die Yoni legt, ohne sie zu bewegen, gerne mit etwas Druck, sodass ein klarer Kontakt spürbar wird. Ab jetzt fragt R. dich spätestens alle fünf Minuten, was du in deinem Körper wahrnimmst. Damit stellen wir sicher, dass du mit deinem Bewusstsein in deinem Körper bleibst und euch keine deiner Grenzen durch die Lappen geht. Du kannst natürlich auch von dir aus mitteilen, wo du bist, wenn dir etwas auffällt, du Fragen, Unsicherheiten oder Erkenntnisse hast.

Solange dein Körper kein Stopp zeigt, geht R. im von euch vereinbarten Rahmen weiter, beginnt, deine Yoni äusserlich zu massieren. Die Yonimassage hier zu erklären, ginge zu weit, aber ihr werdet bestimmt Anleitungen und Kurse finden, wenn ihr danach sucht.

Falls sich deine Vagina öffnet und du ein Ja dazu hast, kann R. in einem weiteren Schritt langsam mit einem Finger in dich hineingleiten. Auch hier bleibt er am Anfang still und fragt dich, was du wahrnimmst. Wenn es sich stimmig anfühlt, kann er danach langsam innerlich an deinen Vaginalwänden kreisen und massieren, mit Tempo und Druck variieren, während ihr im Austausch darüber bleibt, wie sich all das für dich anfühlt. Vielleicht interessiert es dich auch mal, wie weit der Finger denn jetzt drinnen ist und wo der Druckpunkt, welcher sich gerade so himmlisch, unbekannt oder schmerzhaft anfühlt, liegt. Für die Kommunikation eignet es sich hier, das Ziffernblatt der Uhr zu nutzen, mit der Anzeige für 12 oben und der Anzeige für 6 unten in Richtung Anus.

Viele Vaginas halten an bestimmten Stellen Anspannung und Schmerz aus Erinnerungen, die grenzüberschreitend waren. Diese könnten sich bei dieser inneren Massage bemerkbar machen. Falls das so ist, bitte deinen R., dass er seinen Finger auf dem Schmerzpunkt liegen lässt, mit einer Druckintensität, bei welcher du den Schmerz klar fühlst, bei der dein restlicher Körper aber entspannt bleiben kann. Das weitere Vorgehen ist gleich wie oben beschrieben: R. fragt dich immer wieder nach, was du körperlich wahrnimmst, ob der Schmerz lokal ist oder sich in andere Körperregionen zieht, ob er eine Farbe etc. hat. Auch hier seid offen für Emotionen, Erinnerungen und Erkenntnisse, sucht aber nicht danach. Meistens lösen sich diese Schmerzpunkte nach einiger Zeit auf und nicht immer musst du wissen, woher er gekommen ist!

 

Eine Faustregel für die Arbeit mit solchen Punkten ist folgende: Der Weg führt von Taubheit zu Schmerz zu Lust. Es kann sein, dass du am Anfang gar nichts spürst. Weder wo sich R. mit den Berührungen gerade befindet, noch, dass es irgendwelche Empfindungen in dir auslöst. Falls dem so ist, gilt das gleiche, seid einfach präsent damit. Oft verändert sich diese Empfindung von Taubheit, wenn wir den Stellen Aufmerksamkeit und Berührung schenken.

 

Auf diese Art bleibt ihr in der Erforschung deiner Lustorgane, bis ihr das Gefühl habt, dass der Körper jetzt genug gearbeitet hat. Eine gute Orientierung ist eine Dauer der gesamten Körperarbeit von etwa 1.5-2 Stunden.

Zum Abschluss zieht sich R. dann langsam (!) wieder aus deinem Inneren zurück und bleibt für ein paar Minuten nochmals in der äusseren Halteposition mit der Hand auf deiner Vulva. Ihr atmet gemeinsam und nachdem R. dich dann wieder zugedeckt hat, ruhst du noch ca. 10 Minuten nach und lässt die Empfindungen sinken und deinen Körper integrieren.

 

Abschluss und Nachgespräch

In einem abschliessenden Gespräch reflektiert ihr, was wichtig war in der Session. Du teilst mit, welche Erkenntnisse du hattest, was du gelernt hat und mitnimmst. Vielleicht gibt es noch Unsicherheit von R., ob irgendeine Berührung in Ordnung war oder nicht. Falls ihr das nicht bereits während der Körperarbeit geklärt hat, ist es wichtig, solche Dinge im Nachgespräch aufzuräumen. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch gemeinsam «Hausaufgaben» für dich überlegen, wie du mit den neu erfahrenen Erkenntnissen weitergehen und diese weiter integrieren kannst.

 

Am wirkungsvollsten sind solche Sessions, wenn sie mehrmals wiederholt werden, da der Körper langsam und über Wiederholung lernt und neue Empfindungsmuster integriert.

 

 

Anpassungen für Menschen mit Lingam (=Penis)


Eins zu eins kann die obenstehende Anleitung bei Männern mit männlichen Geschlechtsteilen auf die Arbeit mit dem Analbereich angewendet werden.

Beim Penis ist es etwas anders, weil dieser meistens keine Schmerzpunkte im oben beschriebenen Sinne aufweist. Was aber auch beim Lingam sehr wirksam ist, ist das achtsame, absichtslose Halten und langsame Berühren. Auch dabei können viele Erinnerungen, Körperempfindungen, Konditionierungen und Emotionen zum Vorschein kommen. In einem Raum, welcher frei von jeglichem Leistungs- und Zieldruck ist, zeigt sich bei Männern oft eine Art Erschöpfung ihres Penis. Denn es ist ein totaler Irrglaube, dass Frauen mehr über ihre Grenzen gehen als Männer!

In einem solchen Falle ist gemeinsames Atmen und Sein mit dem, was diese Erschöpfung sonst noch hochbringt, sehr wichtig und heilsam.  

 


 

Sexuelle Heilung im partnerschaftlichen Sex

 


Das Prinzip der sexuellen Heilung ist im partnerschaftlichen Sex dasselbe, es folgt bloss keiner so klaren Struktur. Es geht in erster Linie darum, dass ihr in der Wahrnehmung eurer Körper genauer werdet. Dafür braucht es anfangs oft Langsamkeit. Legt euren Fokus während eures gesamten Liebesspiels darauf, was euch eure Körper kommunizieren. Sind sie offen und weit, kommen Laute des Genusses aus euren Kehlen? Seid ihr Kontakt miteinander und schaut euch immer wieder in die Augen? Oder gibt es Situationen, in welchen ihr spürt, dass euer Körper eng wird, ihr in Gedanken abschweift oder sich sogar Schmerzen bemerkbar machen?

Falls ja, haltet inne oder folgt dem oben beschriebenen Schema der Präsenz mit den Körperempfindungen, Emotionen etc. Lasst alle Erwartungen daran los, wie euer Sex weiter gehen oder wo er hingehen sollte. Und schaut, was passiert. Vielleicht landet ihr so nicht bei einem Orgasmus, doch ganz sicher bei viel Entspannung, tiefer Verbundenheit und Intimität.

 

Umgang mit Schmerzpunkten in der Vagina während partnerschaftlichem Sex

 

Auch hier ist der Umgang so wie oben beschrieben, doch habt ihr (bei heterosexuellem Sex) ein weiteres sehr wertvolles Werkzeug der Heilung zur Verfügung: den Penis.

Falls während dem Sex Schmerzpunkte in der Yoni spürbar werden, so könnt ihr folgendermassen vorgehen: Du sagst Stopp, sobald du den Schmerz spürst und ihr haltet gemeinsam inne. Der Penis darf dabei ganz nah am Schmerzpunkt bleiben, so, dass du den Schmerz spürst, sich dein restlicher Körper aber entspannen kann. So bleibt ihr und atmet gemeinsam, bis sich der Schmerzpunkt auflöst, indem ihr präsent seid mit allem, was hochkommt.

 

Next Level

 

Wenn ihr noch nicht geübt darin seid, eure Körperempfindungen wahrzunehmen und mitzuteilen, macht es Sinn, dass ihr vorübergehend den Sex unterbrecht und in klare Rollen eintaucht, wo einer von euch den Raum für den anderen hält. Das kann während desselben Liebesakts auch wechseln. Und kann genau in der Position und dem Kontakt geschehen, in welchem ihr gerade seid, wenn ihr wohl darin seid.

Falls ihr aber schon geübt darin seid und euch die Fähigkeit erarbeitet habt, selbst für eure Heilung Raum zu halten, dann könnt ihr euch einem spannenden Feld zuwenden: Dem, wo einer von euch in einen inneren Heilungsprozess geht und der andere in der Lust bleibt.

 

Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich kam einmal während intensiver Penetration mit einer alten Wut in Kontakt. Meine Yoni war nicht im Schmerz, aber die Wut als Emotion zeigte sich. Ich teilte das meinem Partner mit. Er war in hoher Erregung und hatte Lust, weiter in Bewegung und im Genuss zu bleiben. Das war in Ordnung für mich. Was danach geschah war, dass ich während des sexuellen Akts meiner Wut voll Raum gegeben und sie mit Tönen zum Ausdruck gebracht hab, während er weiter in seiner Lust war. Beides hat sich gegenseitig verstärkt. Die Heilung und Auflösung meiner alten Wut wurde durch die Energie seiner Ekstase angekurbelt, während meine Lebendigkeit und Authentizität seine Erregung noch verstärkte. Das war für uns beide eine wundervolle und berührende Erfahrung.

 

Falls ihr dies Praktizieren wollt, gibt es ein paar wichtige Hinweise für euch.

-       Falls es schmerzt, nicht weitermachen! Es sei denn, du möchtest ganz bewusst durch deinen Schmerz hindurchgehen. Das kann manchmal funktionieren, indem du dich im ganzen Körper entspannst, dem Schmerz bejahst und in die volle Hingabe gehst. Falls sich der Schmerz dadurch nicht bald verändert und auflöst: aufhören.

-       Es ist wichtig, dass der Mensch, welcher in den Heilungsprozess geht, klar bei seinen Empfindungen bleiben kann und sich selbst in emotionalen Prozessen gut kennt. Solche also ohne die zusätzliche Herausforderung von gleichzeitig passierendem Sex gut navigieren kann. Das kann mit dem Setting, wo ihr füreinander Raum haltet, geübt werden.

-       Auch diese Form darf jederzeit wieder abgebrochen oder verändert werden, wenn ihr merkt, dass es euch doch nicht gelingt, den Raum alleine zu navigieren.

 

 

Voilà, das waren sie, meine Anleitungen für euch, wie ihr euch in die spannenden Gefilde der sexuellen Heilung hineinbegeben und für euch experimentieren könnt.

  Teilt gern in den Kommentaren, welche Erfahrungen ihr damit macht, ob Fragen oder Herausforderungen auftauchen und welche meiner Tipps euch besonders hilfreich waren.

 

Ich wünsche euch von Herzen viel Freude, Inspiration, Verbindung und Genuss!

 

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